4 Kommentare
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Avatar von lutz johannes

kurz biografisches: seit geburt ossi, von da an bis dato erzgebirge, bis zur wende metaller und engagiert in der bürgerrechtsbewegung. bzgl. der analyse über westdeutsche medien - leider finde ich unter der ZEIT-analyse keinen link zu kommentaren und lande hier bei plattenbau - finde ich, dass da immer gewisse momente ausgeblendet bleiben, welche vor dem mauerfall bzw. bis zur ersten freien wahl eine rolle spielen. mein gesamtes umfeld schaute in der ddr westfernsehen, wenn man das dann besprach, fiel mir schon damals auf, dass man kennzeichen D begeistert schaute, aber kritische magazine wie panorama, weltspiegel, monitor etc. überwiegend ignorierte. diese ignoranz ist ein aspekt einer blinden hoffnung auf die rettung durch die markwirtschaft, der harten DM, die dann bei der ersten freien wahl die CDU als stärkste kraft im osten etablierte. der ossi und seine perspektive auf die dt. geschichte insgesamt ist deshalb so unterpräsentiert, weil der ossi genau eine solche perspektive vor dem mauerfall nicht hatte und danach nicht entwickelte. stattdessen eben die bis heute virale ostalgie. keine ossi hat sich dafür interessiert, dass ein dr. ullmann an einer gesamtdeutschen verfassung arbeitete und die pol. eliten im westen selbstredend auch nicht. der ossi wollte den westen, den er eben nicht wirklich kannte, weil der sich nur für den konsum im westen begeisterte. bei der ersten demo für DM und wiedervereinigung in meiner heimatstadt haben wir paar bürgerrechts-hanseln, die dagegen demonstrierten, kloppe bezogen. ich frage immer ossis, wenn sie ihr lamento über wessis abspulen, dass die wessis die ossis nicht kennen würden, ob die ossis denn im umkehrschluss die wessis kennen. 8 stunden sind kein tag von fassbinder als darstellung des lebens westdeutscher proleten hat zu ddr-zeiten im west-tv wohl kaum ein ossi geschaut, den blauen bock dagegen mit begeisterung wohl die meisten.

Avatar von Boy, Berlin

Vielen dank für deinen ausführlichen Kommentar! Einen zentralen Satz ("diese ignoranz ist ein aspekt einer blinden hoffnung auf die rettung durch die markwirtschaft, der harten DM, die dann bei der ersten freien wahl die CDU als stärkste kraft im osten etablierte") unterschreibe ich voll und ganz. Wahrscheinlich ist die aktuelle Stimmung auch die Folge einer Enttäuschung dieser fast schon kindlichen Hoffnung auf Erlösung. Und ja, viele Ostdeutsche kennen den Westen und die Westdeutschen auch kaum, fair enough. Das ist meiner Meinung nach allerdings kein Grund, den Osten in der gesamtdeutschen geschichtlichen Erzählung untergehen zu lassen. Geschichten aus dem Osten sind, so sehe ich das, eine Möglichkeit, die Menschen im Osten wieder Vertrauen in die für die Demokratie so wichtige Medienlandschaft fassen zu lassen.

Avatar von Olaf Schlüter

„Plattenbau“ war kein westdeutscher Kampfbegriff für Bauen in Ostdeutschland sondern bezeichnet eine Bauweise, die es genau so im Westen auch gab, jedoch ohne die soziale Durchmischung, wie in Ostdeutschland. Der Begriff „Plattenbau“ stand immer für aus vorgefertigten Betonplatten schnell und günstig errichtete Gebäude, die meist eine in herkömmlich gemauerten Gebäuden weniger verbreitete Hellhörigkeit und schlechtere Wärmeeigenschaften auffielen. Errichtet wurden sie zumeist von gemeinnützigen Wohnbaugesellschaften, deren Mitglieder überwiegend aus Arbeitern und einfachen Angestellten bestand. Der Begriff wurde nach der Wende für in gleicher Bauweise und mit den gleichen baulichen Problemen behaftete Gebäude im Osten übernommen.

Avatar von Boy, Berlin

"Der Begriff wurde nach der Wende für in gleicher Bauweise und mit den gleichen baulichen Problemen behaftete Gebäude im Osten übernommen." -> vielleicht ist genau das das Problem. Denn der in der alten Bundesrepublik abwertend benutzte Begriff wurde – in seiner abwertenden Form – für die zumindest über einen gewissen Zeitraum noch funktionierenden Viertel in Ostdeutschland verwendet.