Plattenbau Ost
Über Plattenbau-Viertel in der DDR und warum sie früher bei vielen Menschen so beliebt waren – plus: TIPPS, TIPPS, TIPPS
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Gedanken, Fundstücke und Empfehlungen aus Kultur, Medien und Alltag – aus ostdeutscher Perspektive.
Plattenbau – während der Begriff für viele Menschen in Westdeutschland schon seit den 1960er- und 1970er-Jahre eher negativ belegt ist, waren viele Menschen in Ostdeutschland, also der ehemaligen DDR, froh, wenn sie in einen solchen einziehen konnten.
Denn hier gab es Warmwasser, eine Zentralheizung und mehr Licht und Platz in der Umgebung. Statt Ofenheizung, Klo auf der halben Treppe und allgemein eher düstere und graue Trümmerumgebung. Die Wohnungen in den Plattenbauten wurden den Familien zugewiesen.
Plattenbau-Wohnung als Lottogewinn
Zumindest zu Beginn, also in den 1960er-Jahren, war eine solche Wohnung wie ein Lottogewinn. In der DDR lebten oft junge Familien und gebildete Menschen in den Plattenbau-Vierteln. Zu sozialen Brennpunkten entwickelten sie sich – so mein Eindruck – erst nach der politischen Wende.
Ich habe selbst in einem Plattenbau gelebt – mit einer Unterbrechung von eineinhalb Jahren mein gesamtes Leben lang, bis ich nach der Schule von Berlin-Marzahn in den Innenstadtbezirk Friedrichshain gezogen bin. Dort hieß es dann: Kachelofen, zugige Fenster und Frieren im Winter. In meinem Marzahner Kinder- und Jugendzimmer hatte ich dagegen im Winter oft lüften müssen, um die überheizte Luft hinauszulassen.
Sanierter Plattenbau in Marzahn. (Bild: Boy, Berlin)
Warum ich dir das erzähle? Der Plattenbau feiert gleich mehrere Jubiläen. 1926, also vor 100 Jahren, wurde im Berliner Bezirk Lichtenberg der wahrscheinlich erste Plattenbau der Welt errichtet. Heute steht dieser Bau in der sogenannten Splanemann-Siedlung in Friedrichsfelde.
40 Jahre später, zu Ostern 1966, zogen die ersten Mieterinnen und Mieter in einen der Plattenbauten in Lütten Klein ein. Das Rostocker Plattenbau-Viertel war die wohl erste zusammenhängende Neubau-Stadt der DDR. Insgesamt sollen dort zwischen 1965 und 1975 über 10.000 Wohnungen für 26.000 Menschen entstanden sein, wie der NDR schreibt.
Größte Plattenbau-Siedlung Europas
Und genau heute vor 49 Jahren, am 11. April 1977, wurde die erste Baugrube für die spätere Plattenbau-Siedlung Marzahn-Hellersdorf ausgehoben. Bis Ende der 1980er-Jahre wurden hier 60.000 Wohnungen gebaut. Das Ganze wuchs zur – zu diesem Zeitpunkt – größten Plattenbau-Siedlung Europas heran.
Weitere große Plattenbau-Siedlungen gab es in und um Halle (Neustadt), Eisenhüttenstadt, Hoyerswerda, Karl-Marx-Stadt, Magdeburg oder Dresden. Sogenannte Großwohnsiedlungen wurden auch in der Bundesrepublik aus dem Boden gestampft, etwa München-Neuperlach, Berlin-Gropiusstadt, Bremen (Vahr und Tenever) oder Hamburg (Steilshoop und Mümmelmannsberg).
Aber lass uns noch einmal zum Begriff Plattenbau zurückkehren. Der war in der DDR wohl nicht bekannt. Zumindest wurden die entsprechenden Häuser und Siedlungen nicht oder zumindest nicht oft als Plattenbauten oder Platte bezeichnet. Ich kenne unser Viertel auch eher unter dem Namen Neubaugebiet.
Plattenbau fand, meine ich, erst nach der Wende Eingang in den Wortschatz Ostdeutschlands. Und sehr positiv besetzt ist diese Bezeichnung bis heute nicht. Manch einer findet dafür sogar drastische Worte: „westdeutscher Kampfbegriff“. Aber so eng würde ich das persönlich nicht sehen.
Du? Schreib mir deine Meinung gern in die Kommentare.
Im Song „Harte Zeiten“ meiner Band Parc de Triomphe singe ich vom Plattenbau, in dessen 12. Stock ich gewohnt hätte (das stimmt nicht ganz, tatsächlich war es der 6., aber dafür in einem Doppelhochhaus mit 21 und 18 Stockwerken – Platz für ein ganzes Dorf).
Eines der letzten großen Prestigeprojekte der DDR war übrigens die Thälmann-Siedlung in Berlin-Prenzlauer Berg. Du hast vielleicht das riesige Ernst-Thälmann-Denkmal schon einmal gesehen, das dort steht. Der 50 Tonnen schwere Koloss ist vor 40 Jahren, am 15. April 1986, eingeweiht worden. In diesem D.R.O.B.-Artikel findest du mehr Informationen dazu.
Theater-Tipp: Ost-West-Splitter
Am 15. April 2026, also in wenigen Tagen, hat das Stück „Splitter“ im Theater Strahl in Berlin Premiere. Darin taucht das Ensemble anhand von Familienbiografien tief in die Geschichte der deutsch-deutschen Teilung ein.
„Splitter“-Premiere. (Bild: Jörg Metzner/Theater Strahl)
Die kleinen Erinnerungssplitter werden zu einem Mosaik zusammengesetzt. Und dieses macht einen Blick auf ein Land möglich, das es so nicht mehr gibt. Die Premiere ist schon ausverkauft, aber hier gibt es noch Karten für weitere Vorstellungen im April, Mai und Juni.
Geschichte-Tipp: Die Trümmerfrauen
Ich bin bei Instagram auf „anna.marie215“ gestoßen, die auf ihrem Kanal über geschichtliche Themen aufklärt und dort über 13.000 Follower hat. Bei dem Reel, das ich dir vorstellen will, geht es um einen Faktencheck zu den sogenannten Trümmerfrauen in Deutschland.
Hartnäckig hält sich ja die Idee, dass alleine und ganz freiwillig Frauen mit Kopftüchern das zerstörte Deutschland von Trümmern befreit hätten. Spoiler: Das war nicht ganz so. Interessanterweise könne man aber davon sprechen, dass in Ost-Berlin und Ost-Deutschland tatsächlich Trümmerfrauen in größerem Ausmaß aktiv waren, so die Geschichte-Influencerin.
Kauf-Tipp: Erfurter Kirche bei Kleinanzeigen.de
Freilich kein ganz ernst gemeinter Kauf-Tipp – es sei denn, du hast 99.000 Euro auf der hohen Kante. Denn die Erfurter Cruciskirche (Neuwerkskirche) wird derzeit zwar bei Kleinanzeigen.de zum Kauf angeboten. Tatsächlich geht es aber darum, der Barockkirche in Innenstadtlage eine Zukunft zu ermöglichen.
Denn der reguläre kirchliche Betrieb der 1735 geweihten und laut MDR „reich ausgestatteten“ Kirche läuft Ende 2026 aus. Dann soll eine sensible Nachnutzung anlaufen, bei der der besondere Charakter der Kirche gewahrt wird, wie es heißt.
Möglich seien etwa kulturelle Nutzungen wie Konzerte oder Lesungen, aber auch soziale Projekte sowie Räume für Begegnung und Bildung. Falls du eine Idee und viel Geld hast: dann mal los.
Lies gerne noch meine ausführliche Analyse zur Auslassung oder Anderserzählung von DDR und Ostdeutschland in bundesdeutschen Medien:




kurz biografisches: seit geburt ossi, von da an bis dato erzgebirge, bis zur wende metaller und engagiert in der bürgerrechtsbewegung. bzgl. der analyse über westdeutsche medien - leider finde ich unter der ZEIT-analyse keinen link zu kommentaren und lande hier bei plattenbau - finde ich, dass da immer gewisse momente ausgeblendet bleiben, welche vor dem mauerfall bzw. bis zur ersten freien wahl eine rolle spielen. mein gesamtes umfeld schaute in der ddr westfernsehen, wenn man das dann besprach, fiel mir schon damals auf, dass man kennzeichen D begeistert schaute, aber kritische magazine wie panorama, weltspiegel, monitor etc. überwiegend ignorierte. diese ignoranz ist ein aspekt einer blinden hoffnung auf die rettung durch die markwirtschaft, der harten DM, die dann bei der ersten freien wahl die CDU als stärkste kraft im osten etablierte. der ossi und seine perspektive auf die dt. geschichte insgesamt ist deshalb so unterpräsentiert, weil der ossi genau eine solche perspektive vor dem mauerfall nicht hatte und danach nicht entwickelte. stattdessen eben die bis heute virale ostalgie. keine ossi hat sich dafür interessiert, dass ein dr. ullmann an einer gesamtdeutschen verfassung arbeitete und die pol. eliten im westen selbstredend auch nicht. der ossi wollte den westen, den er eben nicht wirklich kannte, weil der sich nur für den konsum im westen begeisterte. bei der ersten demo für DM und wiedervereinigung in meiner heimatstadt haben wir paar bürgerrechts-hanseln, die dagegen demonstrierten, kloppe bezogen. ich frage immer ossis, wenn sie ihr lamento über wessis abspulen, dass die wessis die ossis nicht kennen würden, ob die ossis denn im umkehrschluss die wessis kennen. 8 stunden sind kein tag von fassbinder als darstellung des lebens westdeutscher proleten hat zu ddr-zeiten im west-tv wohl kaum ein ossi geschaut, den blauen bock dagegen mit begeisterung wohl die meisten.
„Plattenbau“ war kein westdeutscher Kampfbegriff für Bauen in Ostdeutschland sondern bezeichnet eine Bauweise, die es genau so im Westen auch gab, jedoch ohne die soziale Durchmischung, wie in Ostdeutschland. Der Begriff „Plattenbau“ stand immer für aus vorgefertigten Betonplatten schnell und günstig errichtete Gebäude, die meist eine in herkömmlich gemauerten Gebäuden weniger verbreitete Hellhörigkeit und schlechtere Wärmeeigenschaften auffielen. Errichtet wurden sie zumeist von gemeinnützigen Wohnbaugesellschaften, deren Mitglieder überwiegend aus Arbeitern und einfachen Angestellten bestand. Der Begriff wurde nach der Wende für in gleicher Bauweise und mit den gleichen baulichen Problemen behaftete Gebäude im Osten übernommen.