Oh! Wie Osten
Über die Bilanz zum Tag der Deutschen Einheit, die Eastside Gallery und Nachwendekinder
Herzlich willkommen auf dem Gebiet der Demokratischen Republik Ost Berlin (D.R.O.B.) und zu einer neuen Ausgabe des D.R.O.B. Newsletters. Klicke gerne auf den Titel in deiner E-Mail, dann kannst du direkt auf meiner Seite lesen und bekommst garantiert alle Text- und Bildteile angezeigt.
Huch? Der D.R.O.B. Newsletter kommt ja schon wieder am Freitag. Ja, das stimmt. Nachdem es in der vergangenen Woche zumindest für mich und meine Band, den Produzenten und den Label-Chef sowie die zahlreichen Parc-de-Triomphe-Fans etwas zu feiern gab (Release des Debüt-Albums), ist es dieses Mal schon etwas schwieriger.
1. Tag der Deutschen Einheit – die Bilanz
Ich schätze einmal, jetzt weißt du, was Phase ist. Genau: Heute ist der 3. Oktober, seit 1990 Tag der Deutschen Einheit und zugleich Nationalfeiertag, der an die deutsche Wiedervereinigung erinnern soll. Wenn du in Deutschland lebst, hast du heute wahrscheinlich frei und kannst dich ganz in Ruhe mit dem Thema auseinandersetzen.
Wirf gerne einen Blick zurück auf die vergangenen 35 Jahre und schreib in die Kommentare, was dir dabei so in den Kopf kommt. Kannst du dich noch an die Wiedervereinigung erinnern? Sind deine Hoffnungen und Wünsche wahr geworden oder haben sich deine Befürchtungen erfüllt?
Ich sage dir ganz kurz, wie es mir mit dem 3. Oktober geht. Das erste, was mir in den Sinn kommt, ist die Feststellung, wie lange das schon wieder her ist. Meine Fresse, 35 Jahre, fast ein halbes Leben. Bei längerem Nachdenken wird mir klar, wie froh ich bin, dass sich mir mit Wende und Wiedervereinigung Türen und Möglichkeiten geöffnet haben, die sonst wohl kaum möglich gewesen wären.
Abitur und Studium ohne Verpflichtung
Am 3. Oktober 1990 bin ich gerade 13 Jahre alt gewesen. Ein Jahr später konnte ich aufs Gymnasium gehen und letztlich mein Abitur machen – und zwar ohne mich für eine Offizierslaufbahn verpflichten oder ähnliche Versprechen abgeben zu müssen. Anschließend konnte ich studieren, was und wo ich wollte, konnte reisen, wohin ich wollte, wählen.
Mittlerweile lebe und arbeite ich als EU-Bürger in der österreichischen Hauptstadt Wien, habe eine Familie und mache erfolgreich Musik. Das Wenigste davon wäre wahrscheinlich in der engen und grauen DDR möglich gewesen. So viel ganz kurz zu einigen der vielen Vorteile, die mir das Ende der DDR gebracht haben – Freiheit und Demokratie weiß ich zu schätzen.
Harte Zeiten in Songs gegossen
Aber ich habe auch harte Zeiten durchlebt – die ich in Texten und Songs reflektiere. Mein Vater wurde mit dem Ende der DDR arbeitslos. Gestiegene Mieten und Preise sorgten dafür, dass wir uns in den ersten Jahren in der BRD kaum etwas leisten konnten. Erst Mitte der 1990er-Jahre ging es für meine Eltern wieder bergauf. Bei manchen anderen Familienmitgliedern dauerte es noch etwas länger.
Die sogenannten Baseballschlägerjahre haben mir ziemlich zugesetzt. Noch heute kämpfe ich mit den Auswirkungen der allgegenwärtigen Angst und dem Unverständnis der Erwachsenen und der Politik für dieses Problem.
Enttäuscht „vom Westen“
Und: Ich war über Jahre schwer enttäuscht „vom Westen“, konnte nicht verstehen, warum die ostdeutsche Identität und die dort geschaffenen Werte, Künstlerinnen und Künstler sowie Sportlerinnen und Sportler nicht gewürdigt wurden.
Mit diesem Unwohlsein bin ich nicht allein. Aber während diese Entfremdung sich bei mir in den vergangenen Jahren verringert hat – vor allem wahrscheinlich wegen der örtlichen Entfernung und der langwierigen und schmerzhaften Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit –, ist sie in Deutschland offenbar zuletzt noch gestiegen.
Für Ostdeutsche überwiegt das Trennende
Einer Forsa-Umfrage zufolge sagen nur 35 Prozent aller Deutschen, dass Ost- und Westdeutschland mittlerweile weitgehend zu einem Volk zusammengewachsen seien. Für drei von vier Ostdeutschen überwiegt das Trennende, wie es im Tagesspiegel heißt.
Dabei ging das schon mal besser: 2019 war immerhin die Hälfte der Deutschen von einem Zusammenwachsen überzeugt. Die Coronazeit, Pegida und das Erstarken der AfD, zunächst in Ostdeutschland, dürften da mit allen ihren negativen Auswirkungen nicht ganz unbeteiligt sein.
Wie beurteilst du das? Schreib deine Meinung dazu gern in die Kommentare!
2. Eastside Gallery feiert 35. Geburtstag
Ebenfalls 35 Jahre alt geworden ist die Eastside Gallery in Berlin. Dabei handelt es sich um einen von Künstlerinnen und Künstlern bemalter Mauerstreifen ungefähr zwischen Oberbaumbrücke und Ostbahnhof. Vor 1990 befand sich hier das Grenzgebiet zwischen West- und Ost-Berlin.
Mit 1,3 Kilometern Länge ist die Eastside Gallery die längste Open-Air-Galerie der Welt, wie rbb24.de schreibt. Sie ist von 118 Künstlerinnen und Künstlern aus 21 Ländern mit großformatigen Bildern bemalt worden.
Breschnew küsst Honecker
Dazu gehören so ikonische Kunstwerke wie die Abbildung des Bruderkusses zwischen Leonid Breschnew und Erich Honecker von Dmitri Wrubel oder Kani Alavis „Es geschah im November“.
Aufgrund von Witterungseinflüssen und Graffiti wurden die Kunstwerke in den vergangenen Jahrzehnten zum Teil stark beschädigt. Seit 1991 unter Denkmalschutz wurde das Mauerstück einige Male saniert – zuletzt 2008/09.
Ein Stück Eastside Gallery. (Foto: Boy, Berlin)
Dabei wurden die Künstlerinnen und Künstler eingeladen, ihre Bilder noch ein zweites Mal an die Mauer zu malen. Immerhin 87 von ihnen kamen der Aufforderung nach. Sie erhielten eine Aufwandsentschädigung von 3.000 Euro.
Von den Werken profitierten andere
Nicht alle Kunstschaffenden fanden diese „Abspeisung“ in Ordnung, sei doch von der Lottostiftung Berlin insgesamt 1 Million Euro für die Sanierung bereitgestellt worden. Wahr ist, dass von den Werken weitgehend andere profitiert haben – nämlich jene, die entsprechende Print-Publikationen angefertigt und verkauft haben.
Dieser Animositäten zum Trotz lohnt sich ein Besuch der Eastside Gallery – und Tausende Berlin-Besucherinnen und -Besucher schauen auch dort vorbei. Anschließend solltest du allerdings auch die Mauergedenkstätte in der Bernauer Straße genauer in Augenschein nehmen.
3. Nachwendekinder und die Wiedervereinigung
Du willst den heutigen Feiertag lieber im Bett verbringen? Dann zieh dir doch eine Dokumentation rein. Passend zum Anlass hat sich die ZDF-Sendung 37 Grad mit der Wiedervereinigung und der Bilanz nach 35 Jahren beschäftigt – aus der Sicht von 2 Nachwendekindern.
„Die Sendung zeigt, wie Nachwendekinder die deutsche Einheit auf den Prüfstand stellen, neu interpretieren und mitgestalten“, heißt es in der Ankündigung der Doku. Das YouTube-Video zeigt eine verkürzte Version. Die Langversion findest du hier.
Zum einen erleben wir dort Dennis, dessen Eltern aus Polen und Mosambik stammen und der 1991 in Senftenberg, in Brandenburg geboren wird. Als weißer Cis-Mann, der lediglich vom Kleidungsstil und den langen Haaren als politisch links zu verorten war, habe ich bei meinem einmaligen Senftenberg-Besuch schon die Blicke der vornehmlich kurzhaarigen Altersgenossen auf mir gespürt. Wie mag es da erst Dennis ergangen sein?
Dennis bleibt der Heimat treu
Der mittlerweile 33-Jährige ist trotz Ausgrenzung und Rassismus seiner Heimat treu geblieben. Dennis empfand seine Kindheit als schön und fühlt sich heute eher ostdeutsch als deutsch. Allerdings befürchtet er, dass wiedererstarkte rechte Kräfte ihm seine Heimat nehmen könnten. Aber: Er will um sie kämpfen!
Die zweite Protagonistin der knapp eine halbe Stunde dauernden Doku „Mein Erbe der Einheit“ ist Jule. Sie wurde 1997 in Rostock geboren. Allerdings waren ihre Großeltern wenige Jahre vor der Wende nach Westdeutschland ausgereist – ohne Jules Eltern. Dieses Ereignis prägt die Familie bis heute.
Kartenspiel soll Verständnis wecken
Jule zog für ihr Studium nach Wuppertal in Nordrhein-Westfalen – und wundert sich, warum sie Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung immer noch als Ostdeutsche wahrgenommen wird. Um Verständnis für den Osten zu wecken und Vorurteile abzubauen, hat Jule ein Kartenspiel entwickelt, das „Oh! Wie Osten“ heißt.
Jule Henschel mit dem Game „Oh! Wie Osten“. (Foto: Gesa Niessen)
Ihre eigenen Wurzeln beginnt sie zu suchen und zu verstehen, als sie im Keller ihrer Großmutter nach deren Tod etwas Überraschendes findet. Sie versteht sich nicht nur als Norddeutsche, sondern auch als Ostdeutsche – „und das geht auch nicht wieder weg“.
Nach dem Abschluss ihres Studiums ist Jule wieder zurück nach Ostdeutschland gezogen. Und allein, dass man das noch so schreiben und betonen muss, zeigt, dass es bis zum erfolgreichen Abschluss der Wiedervereinigung wohl noch dauert.
Aber wir arbeiten daran! Du bist doch dabei, oder?
Zusatz-Tipp:
Ebenfalls Nachwendekinder sind Maria und Sofia Hefter, Töchter der Schriftstellerin Martina Hefter und des 1966 in Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz) geborenen Schriftstellers Jan Kuhlbrodt.
In dem Textalbum „Wäsche im Wind und Polizisten“ trifft Kuhlbrodt auf seine beiden Töchter. Ein generationenübergreifender Dialog entspinnt sich. Unterschiede werden austariert, aber auch Traditionen und Vergangenes, das verbindet.
Wäsche im Wind und Polizisten. (Cover: Gans Verlag)
Der Gans Verlag bezeichnet den Inhalt des in drei Zyklen geteilten Werkes als „lyrische Korrespondenzen, auch zwischen Texten und Zeichnungen, die sich gegenseitig illuminieren“.
Ausstellung und Buchpräsentation
Das Buch erscheint am 13. Oktober 2025. Am 23. Oktober kannst du dir im „Besser Leben“ in Leipzig (Holbeinstraße 2) eine Ausstellung und Buchpräsentation zu dem Werk anschauen. Als Live-Act steht die Leipziger Rapperin Yeeza auf der Bühne.
Super, dass du bis an diese Stelle gekommen bist. Ich danke dir für die Aufmerksamkeit. Sage doch gerne Freundinnen und Freunden, Bekannten, Arbeitskolleginnen und -kollegen sowie deiner Familie Bescheid, dass du hier auf interessantes Lesefutter gestoßen bist.
Und hier kannst du dir den Newsletter der vergangenen Woche noch einmal zu Gemüte führen:




