Hier findest du Geschichte(n) aus den letzten Jahren der DDR sowie der Nachwendezeit.
Als ich meiner Verabredung die Hand zur Begrüßung reichte, zögerte ich kurz. Ich starrte auf die grüne Zahnbürste, die aus ihrem blau-weiß gestreiften Fleischerhemd ragte. Ich zog meine eigene, rote aus der Jackentasche, bat sie um ihre und klemmte beide Zahnbürsten zwischen Zeige- und Mittelfinger.
Mit Blick auf den Stasi-Onkel, der sich hinter seiner Sächsischen Zeitung zu verbergen suchte, ließ ich die Zahnbürsten auf und abtanzen. Wir lachten los und ignorierten den griesgrämigen Kellner, der unseren Kaffee in den angegrauten Mitropa-Tassen servierte.
Carola mit Zahnbürste. (Bild: privat)
Die Zahnbürste war ein stiller Code. Manche, die einen Ausreiseantrag gestellt hatten, trugen sie sichtbar. Kein Abzeichen, kein Transparent. Nur Plastik und Borsten. Dieser Mensch hat Papiere eingereicht.
Dresden, ungefähr 1984
Kaum 18 geworden, stellte ich meinen Ausreiseantrag. Das genaue Datum habe ich vergessen. Das Gefühl nicht.
Meine Mutter war Lehrerin, mein Vater Diplomingenieur. Wir wohnten in Dresden-Johannstadt im sechsten Geschoss eines Plattenbaus. Von Flucht durch ungarische Maisfelder nach Österreich träumte ich da schon nicht mehr.
Liebe gilt statistisch als häufiger Grund, die Heimat zu verlassen. In meinem Fall hätte sie mich eher in der DDR gehalten, wenn meine Mutter und die Stasi sich nicht eingemischt hätten.
Die Frau, in die ich mich mit fast 17 verliebt hatte und mit der ich eine einzige Nacht verbrachte, wurde wegen „Verführung Minderjähriger“ zu zwei Jahren und acht Monaten auf Bewährung verurteilt. Homosexuell zu lieben, war in der DDR keine gute Idee. Ich kam in die Psychiatrie. Paragraf 151 setzte das Schutzalter für homosexuellen Verkehr auf 18 Jahre fest, für heterosexuellen Sex interessierte sich niemand.
Nach der Psychiatrie wurde ich strafversetzt: in ein LPG-Lehrlingswohnheim außerhalb von Dresden. Ich schloss meine Ausbildung mit Mühe ab und ging zurück in die Stadt.
Der Antrag
Es gab kein Formular für den Ausreiseantrag. Jedenfalls keines, das man sich von irgendeinem Behördenschreibtisch holen konnte. Man musste einen Antrag auf das Formular stellen. Und der wurde selbstverständlich mehrfach abgelehnt. Mit der Begründung, ein solches Formular existiere nicht.
Also schrieb ich Briefe. Ich besorgte mir in der Friedensbibliothek eine Kopie der KSZE-Schlussakte von Helsinki, die Honecker unterschrieben hatte, und bestand auf meinen Freiheitsrechten. Handschriftlich, später auf meiner Erika-Schreibmaschine, erklärte ich, warum ich die DDR verlassen wollte.
Was danach kam, war keine Ablehnung, sondern Stille. Die LPG teilte mit, dass meine Stelle nicht mehr zur Verfügung stehe. Andere Jobs: abgelehnt. Keine offizielle Begründung. Keine Möglichkeit, Geld zu verdienen.
Im Konsum ließ sich am besten Babynahrung in kleinen Gläschen klauen. Manchmal steckte meine Oma mir Geld zu. Dann rettete mich die „Junge Gemeinde Trinitatis“ in Dresden: Sie gaben mir einen Job. Kränze flechten für Beerdigungen. Friedhofsgärtnerei. Leichenwäsche.
Die Schießgasse
Das Verhörzentrum der Dresdner Stasi lag in der Schießgasse. Ich war zweimal dort, unfreiwillig, einmal von der Autobahnauffahrt in einen Wartburg verfrachtet. Gründe: Trampen, Verliebtsein und natürlich „PM-67 g“, der Antrag auf Ausreise aus der DDR, ein beidseitig bedrucktes Kartonkärtchen im Format DIN A6.
Ausreiseantrag der DDR. (Bild: Carola Güldner)
Ich stand in einem Zimmer mit zwei Stühlen und einem Sprelacart-Schreibtisch. Ein Telefon aus dunkelgrünem Plastik, hellgraue Wände, Neonröhren. Einer der Männer stellte Fragen, der andere schrieb mit. Wohin ich gefahren sei. Wen ich getroffen hätte. Was wir geredet hätten.
Mitten im Gespräch fiel mir auf: Niemand wusste, wo ich war.
Ich durfte das Telefon nicht benutzen. Und selbst wenn: Wen hätte ich anrufen sollen? Keiner meiner Freunde hatte einen Anschluss.
Diese Erkenntnis war kälter als alles, was die beiden Männer in „good-cop, bad-cop“-Manier sagten.
Ich blieb aufrecht, antwortete ruhig. Erst hießen sie mich setzen, dann ließen sie mich laufen. Immerhin zurück in meine leere Einraumwohnung, Klo halbe Treppe, kaltes Wasser, das ich auf dem Gasherd erhitzte.
Briefe an die Stasi
Ich schrieb neue Briefe an Stellen, die ich für zuständig hielt. Ich argumentierte, erklärte, bat, war wütend. Eine Zahnbürste kaufte ich auch und trug sie fortan sichtbar. Mit immer neuen Antragskärtchen warf ich sie in den namenlosen grauen Briefkasten in einem Hinterhof, den mir jemand als Ministeriumskasten genannt hatte.
Offiziell hätte ich den Antrag beim Stadtbezirksrat abgeben müssen, persönlich und dienstags. Ich wusste das nicht. Also warf ich meine Briefe in unbeschriftete Hinterhofbriefkästen und hoffte.
Nie sah ich jemanden hinter den vergilbten Dederongardinen. Sie notierten jede meiner Briefkastenfütterungen.
„Ich verstehe nicht, warum meine Verwandten aus der BRD 25 Mark Eintritt zahlen sollen, wenn sie mich besuchen wollen. Ich bin doch kein Zootier.“
Ich meinte das ernst. Lange nach dem 9. November las ich Freunden manchmal aus meinen Stasi-Akten und diesen kindlich naiven Bittstellereien vor. Lachend.
Die Rücknahme
Nach dem zweiten Verhör zog ich den Antrag zurück. Von Bautzen und Hoheneck war die Rede, von Jahren des Wartens. Würde ich bei meinen Verwandten im Westen wirklich glücklich werden? Während der Stasi-Mann mit dem Kugelschreiber auf den Tisch trommelte, diskutierte ich mit mir selbst. Dann unterschrieb ich und durfte gehen.
Die Stasi vermittelte mir tatsächlich einen Job. Buchhaltung in einem metallverarbeitenden Betrieb. Ich saß an einem Schreibtisch neben vier Kolleginnen und versuchte, Zahlen zu addieren.
Meine Kolleginnen baten mich, meine Aufmerksamkeit besser der FDGB-Bibliothek zu widmen. Bücher katalogisieren und Ausleihzettel ausfüllen konnte ich deutlich besser als Gehaltsabrechnungen. Ich hatte der Staatssicherheit ohnehin abgeraten, mich als Lohnbuchhalterin einzusetzen. Für Bleibewillige fand sich immer ein Job.
Die Zahnbürste weihte ich am Abend der Unterschrift nach der Flasche Rotwein ein.
Was bleibt und wer geht
Das war das Muster dieser Jahre: Ich lernte Menschen kennen, die anders als ich entschieden hatten. Oder noch entscheiden würden.
Die Frau aus der Bahnhofsgaststätte mit der grünen Zahnbürste blieb noch eine Weile. Wir waren ein Paar auf diese DDR-Art, die immer auch bedeutete: Man weiß nicht, wie lange noch. Zwei Jahre nach unserem ersten Kaffee aus Mitropa-Tassen reiste sie aus. Ich hatte meinen Antrag längst zurückgezogen.
Ich sammelte in den Jahren danach viele Markstücke, um sie von der Telefonzelle aus in Westberlin anrufen zu können.
Mit Kaltleim fälschte ich meine Unterlagen, umging den Zuzugsstopp und zog nach Ost-Berlin, fing neu an. Das Thema „Geh ich oder bleib ich“ blieb. Manche Freundin war plötzlich weg, andere redeten über nichts anderes als ihr Wegwollen. Ich blieb. Während der Pfingstkonzerte von Bowie, Eurythmics und Genesis demonstrierte ich mit Hunderten am Brandenburger Tor. Diese DDR war ein seltsames, unbeschreibliches Tier.
In Ost-Berlin fand ich, was ich in Dresden nicht gefunden hatte: die Frauen in der Gethsemanekirche, den lesbischen Arbeitskreis, meine erste richtige Beziehung. Das Gefühl, irgendwo hinzugehören.
9. November 1989, Oberbaumbrücke, 23 Uhr
Wir waren im Kino gewesen, in „Coming Out“, dem ersten und einzigen Schwulenfilm der DDR. Keine von uns ahnte, dass es unser Land, für und gegen das wir in den Wochen zuvor jeden Abend an der Gethsemanekirche demonstriert hatten, kurz darauf nicht mehr geben würde. „Unverzüglich. Ab sofort.“ Dem Taxifahrer, der behauptete, die Mauer sei auf, glaubten wir erst nicht.
An der Oberbaumbrücke drängelten sich Hunderte. Die Grenzer sahen aus, als hätte man ihnen gerade erklärt, dass die Schwerkraft ab sofort ausgesetzt sei. Einer von ihnen war vielleicht 25. Er schaute auf meinen PM-12 und dann auf mich. Diesen grauen „Klappassatelwisch“, der aussah wie ein Dokument für ein vorübergehendes Leben. In gewisser Weise stimmte das.
Klappassatelwisch (auch Klappassatel): scherzhafter, regionaler Begriff aus dem ostdeutschen und sächsischen Sprachgebrauch für einen einfachen, abgenutzten oder lapidar verwendeten Putzlappen. Wurde auch als Bezeichnung für den Ausweis verwendet, weil sich dort drin ein ausklappbarer Lappen mit den Visa-Stempeln der Reisen befand.
Neben mir drängelten Menschen mit echten Papieren durch. Ich erklärte, dass ich in Ost-Berlin wohnte, dass das mein gültiges Dokument sei und dass die Mauer gerade fiel.
Er zuckte die Schultern. Vorschrift.
Ich bin umgekehrt. Habe mich von den Mädels verabschiedet. Eine Freundin sagte: „Ich melde mich im Lager in Marienfelde, wer weiß, wann die alles wieder dichtmachen“.
Bitter war ich nicht. Es war einfach komisch: der Treppenwitz der Geschichte. Ich, die den Antrag zurückgezogen hatte und geblieben war, ausgerechnet mich wollten sie nicht rauslassen. Am Grenzübergang Sonnenallee, zu dem mich jemand in seinem Trabant mitnahm, hatten die Soldaten jede Kontrolle verloren. Das Erste, was ich im Westen sah: ein Beerdigungsinstitut. Die hatten tatsächlich Särge im Schaufenster!
Ausgereist bin ich dann 1990. Ganz offiziell, ganz langweilig. Da brauchte ich keinen Ausweis mehr. Heute lebe ich auf Reisen und habe eine elektrische Zahnbürste im Wohnmobil.
Carola Güldner, geboren 1966 in Dresden, ist Journalistin und lebt im Wohnmobil. Auf ihrem Blog gueldenlights.com schreibt sie über Reisen, Pflege und Erinnerung.
👉 D.R.O.B. – Texte zu Ostdeutschland, Erinnerung und Gegenwart
Lies gern auch noch eine weitere Erinnerung zum 9. November 1989 und seinen Folgen aus der Sicht eines 12-jährigen Schülers:
Mauerfall killt Russisch-Klausur
Eine Erinnerung zum 9. November 1989 und seinen Folgen aus der Sicht eines 12-jährigen Schülers.







Gute Geschichte einer Zeitzeugin. Allerdings stimmt: "für heterosexuellen Sex interessierte sich niemand." nicht.
Im StGB der DDR waren dafür die §149 und 150 zuständig. Schutzalter "des Jugendlichen anderen Geschlechts" war 14.
https://www.verfassungen.de/ddr/strafgesetzbuch68.htm