In dieser Rubrik findest du Rezensionen zu spannenden Büchern, Filmen oder Musik, die die Themen DDR oder Ostdeutschland behandeln oder einen besonderen Bezug dazu haben.
Vor ziemlich genau 50 Jahren ist in New York und London eine Musik- und Jugendkultur geboren worden, die schon fast ebenso lange von sich sagt, dass sie nicht tot sei: Punk. Nur zwei oder drei Jahre später kam Punk auch in der DDR an – und traf dort auf nicht nur auf verächtliche Blicke und abwertende Äußerungen, sondern auf erheblichen Widerstand seitens der staatlichen Organe.
Wie Punks in der DDR von Polizei und Stasi (Ministerium für Staatssicherheit, MfS) drangsaliert wurden, berichten viele Betroffene selbst – unter anderem in dem Buch „Tanz auf dem Vulkan – Widerständige Punk-Frauen in der DDR“ von Geralf Pochop, das ich an dieser Stelle schon rezensiert habe:
Staatsfeind DDR-Punkerin
In dieser Rubrik findest du Rezensionen zu spannenden Büchern, Filmen oder Musik, die die Themen DDR oder Ostdeutschland behandeln oder einen besonderen Bezug dazu haben.
In ihrem Roman „Mauerpogo“ (Blumenbar) vereint Autorin Sonja M. Schultz die wahren Geschichten mehrerer Punks aus der DDR, darunter jene von Kim aus Karl-Marx-Stadt, die auch in „Tanz auf dem Vulkan“ erzählt wird, zu einer explosiven und atemberaubenden Story. Für mich eine Mischung aus Coming-of-Age und Jugend-Polit-Thriller.
Mini-Exkurs: Kim wurde von der Stasi als „Extrem-Punker und Punk-Inspirator einer negativ-dekadenten jugendlichen Vereinigung“ bezeichnet. (Und ja: weibliche Formen wurden damals von der Stasi offenbar nicht verwendet.) Dennoch, eine Art Ritterschlag für Kim.
Schultz‘ „Mauerpogo“ kommt entsprechend als Roman daher, in dem die verschiedenen Biografien geschickt verknüpft worden sind. Sie hat für das Buch sechs Jahre lang recherchiert. Und obwohl die Autorin selbst in Schleswig-Holstein geboren und zu der Zeit, in der ihr Roman spielt, gerade einmal 7 oder 8 Jahre gewesen sein dürfte, hat sie (autoritäres) Land, (kaputte) Leute und (bleierne) Zeit ausgezeichnet eingefangen.
„Mauerpogo“ von Sonja M. Schultz. (Cover: Blumenbar/Aufbau Verlag)
Das beginnt schon in der ersten Szene, in der ein Fahnenappell geschildert wird. Das in Reih- und Glied-Stehen auf dem Schulhof, die Banner, die Pionierhalstücher, die „Blauhemden“, die immer gleichen Parolen und der abschließende Gruß – das hohe und helle „Immer bereit“ der Pionierinnen und Pioniere und das tiefere „Freundschaft“ der FDJler.
Und alle so: „Immer bereit!“
Beim Lesen stehe ich direkt wieder auf dem grauen Beton, weiter hinten, weil immer schon groß. Aber mit blauem oder rotem Tuch, während neben mir die beiden viel kleineren Nicht-Pioniere stehen, die das Gesamtbild nicht stören dürfen. Ich durfte auch hin und wieder vortreten, um eine Auszeichnung oder Belobigung entgegenzunehmen. Keine Ahnung mehr, wie das war. Ich erinnere mich vor allem an das hochgeschossene Mädchen in unserer Klasse, das während der Appelle immer ohnmächtig wurde.
Auch später, als es um das gruselige Neptunfest im Ferienlager geht, das zumindest mich nachhaltig verstört hat, fühle ich mich bei „Mauerpogo“ sofort ein und bin wieder mittendrin. Zu dem Erinnerungstanz gehören auch Kleinigkeiten, wie, dass man Plastiktüten aus dem Westen in der Schule nach außen drehen musste, damit das Logo nicht sichtbar war.

Autorin Sonja M. Schultz. (Bild: Maurus Knowles/Aufbau)
Der obligatorische Besuch bei der Patenbrigade, die ständige Sorge, etwas Falsches zu sagen. Innen-Sprech und Außen-Sprech, bloß nichts verraten. Und wenn etwas vorfällt, ist die Familie gleich mit dran. Werden Mutter und Vater in ihren Betrieben vorgeladen, um sich zu rechtfertigen.
Repressiver Umfang des DDR-Regimes
Wovon ich freilich nichts mitbekommen habe, ist der repressive Umgang des DDR-Regimes mit DDR-Punks Anfang der 1980er-Jahre. Denn zu dieser Zeit war ich selbst noch im Kindergarten. Und: Ich habe nur ein einziges Mal vor 1989 einen echten Punk gesehen. Was habe ich den bewundert, mit seinem aufgestellten stacheligen Irokesen, den Lederklamotten und dem provozierenden Blick – „ihr könnt mich alle mal“.
Die Spotify-Playlist zum Buch:
Aber „Mauerpogo“ zeigt mir, wie es den Punks in der DDR ergangen ist. Vor allem jenen der ersten Generation, die nach Verhaftung, Folter, Zersetzung, Armee-Zwang oder BRD-Ausreise nahezu komplett zerstört wurde. Insbesondere, nachdem Leserin und Leser atmosphärisch so tief in die Zeit eingetaucht sind – beziehungsweise hineingezogen wurden.
Denn jetzt ist klar: Es gibt kein Entfliehen! Wer nicht funktionieren will oder kann, wird zurechtgebogen. Und das heißt: ständige Einvernahmen bei der Polizei, Gefängnisaufenthalte, Zurechtweisungen in Schule oder Betrieb, Zersetzung durch Stasi-IMs (Inoffizielle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter) – und das nicht zuletzt in der Szene selbst.
Punks in der DDR: Too much Future
Punk durfte in der DDR nicht sein, weil Freiheit, Widerstand und Auflehnung nicht sein durften. DDR-Punks hatten nicht „No Future“, sondern „Too much Future“, wie es in manchem Rückblick heute heißt. Alles war vorbestimmt. Wie man lebt, wo man lebt und wofür man lebt. Nichts, was irgendjemandem gefallen kann – und schon gar nicht einem Punk.
In „Mauerpogo“ gehen Leserinnen und Leser mit der 14-jährigen Jo (Josefine) auf eine atemberaubende, von Punk aus England infizierte Reise. Nach dem einführenden Fahnenappell geht es für Jo zur Jugendweihe – und zwar mit Punk-Haaren, die mit Eiermalfarben grün gefärbt wurden. Schon hier ahnen wir anhand der negativen Reaktionen, dass das nicht gut ausgehen wird.
Zunächst aber lernen wir Jos Familie kennen, den nicht mehr funktionierenden Vater, der in der Gartenlaube haust, die hart arbeitende Mutter, den Bruder, der unbedingt zur Armee will, und die kleine Schwester, die an dem Bruder hängt. Und wir lernen Jos Freundinnen und Freunde kennen, Frankie, der zum Punk wird, obwohl oder gerade weil sein Vater ein hohes Tier im System ist, und die vielleicht gleichaltrige „Ratte“ (Katharina), in die sich Jo verlieben wird.
Ratte lebt ganz allein in einem Abrisshaus und sammelt Schrott, auf dem sie wie wild herum trommelt. Ein Putz-Job in der Kirche schützt sie vor der Verfolgung durch die Staatsmacht. Denn Nicht-Arbeiten gibt es in der DDR nicht. Darauf (Herumtreiberei oder „asozial sein“) steht eine disziplinierende Maßnahme — Gefängnis, Heim, Arbeitszwang.
Band ohne Namen fordert Regime heraus
Gemeinsam mit dem vergleichsweise eher angepassten Gitarren-Spieler Klemmse (Clemens) gründen Jo, Ratte und Frankie eine Band, die keinen Namen hat. Klarerweise ein Hinweis auf die DDR-Punk-Band Namenlos, die 1983/84 von der DDR-Staatsmacht überhart bestraft wird. Ganz übel wird einem, wenn der Alternativname fällt – „Ab ins Gas“ – einer der ans Nazi-Reich erinnernden Sprüche, die Punks sowie andere Jugend-Subkulturen nicht nur in der DDR, sondern auch in der BRD über sich ergehen lassen müssen.
Jos namenlose Band erhält schließlich die Möglichkeit, auf einem Sommerfest der örtlichen Kirchengemeinde aufzutreten. Kirchen bieten Punks die einzige Möglichkeit zu sein. Dort erspielt die Band sich Respekt und wird an die Ostsee zu einer ähnlichen Auftrittsmöglichkeit eingeladen. Allerdings endet das Ganze in einer Katastrophe. Die Polizei löst das Konzert mit massiver Gewalt auf.
„Mauerpogo“ verhandelt Katastrophen
Und das ist nur ein Ausblick auf weitere Katastrophen, die „Mauerpogo“ verhandelt und die zumindest mir beim Lesen nicht nur einmal die Tränen in die Augen getrieben haben. Wie weit ist eigentlich die Behandlung von Punks in der DDR von den Aktionen entfernt, die im Dritten Reich etwa gegen die Edelweißpiraten gefahren wurden? Ja, Todesurteile gab es offiziell nicht. Aber viele Punks der ersten Generation in der DDR sollen sich das Leben genommen haben.
Und genau dieser Abgrund öffnet sich auch in Schultz‘ Roman. Die Zerschlagungswut des DDR-Regimes zerstört auf der einen Seite die Bindungen in Familien und Freundeskreisen. Aber sie schafft es auch, dass einige Familien und Freundeskreise wieder enger aneinander rücken.
Ich verspreche dir: Diesen Roman wirst du nach einer kleinen Eingewöhnungszeit ab spätestens der Hälfte bis zum Ende atemlos durchlesen. Denn das Thema Punk findet sich auch in der Erzählkunst der Autorin wieder, treibt den Lesefluss im Viervierteltakt dem Ende entgegen, reißt Leserin und Leser mit sich, taktet den Herzschlag in Richtung Atemlosigkeit und hinterlässt ein Schlachtfeld der Gefühle.
Auf die Stasi spucken
Am Schluss, den ich hier natürlich nicht ansatzweise verraten werde, kommt es zu einer Szene, die den Titel dieser Rezension beeinflusst hat. Und ja, ich finde auch, dass die Stasi nicht mal die Rotze wert ist, die ihnen eine oder ein Punk entgegen spucken.
Nach dem Lesen dieses Buches frage ich, Vater einer jetzt 9 Jahre alten Tochter, mich: Wie konnte die DDR DAS ihren Kindern antun? Mit welcher Empathielosigkeit – oder Alkoholkonsum – haben es die Verantwortlichen und Mitläuferinnen sowie Mitläufer geschafft, solche und ähnliche Gewalt- und Missetaten vor sich selbst zu verantworten.
Wir rufen uns vor Augen, dass es Anfang der 1980er-Jahre DDR-weit gerade einmal rund 900 Punks gegeben haben soll. Davon 400 in Ost-Berlin.
Und: Wie kann man vor diesem Hintergrund auch nur in Ansätzen ein System wie dieses zurückhaben wollen?
Vielen Dank für dieses Buch, liebe Sonja M. Schultz. Danke deinen Inspiratorinnen und Inspiratoren (sagt man das überhaupt so?).
Und du, liebe Leserin, lieber Leser dieser Rezension: bitte, lies diesen Roman! Teile diese Rezension weiter!
Und kommentiere gern, wie du die Rezension und/oder das Buch findest und wie es dir mit allem geht!
Noch eine coole Rezension gefällig? Dann einfach diese hier lesen oder in der D.R.O.B. Rezensionen-Rubrik nachlesen:
Staatsfeind DDR-Punkerin
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