Ach, du lieber Valentin
Über den Valentinstag in der DDR, Berlinale-Filme über die letzten Atemzüge der DDR und den Filmklassiker „Hass“ vor Ost-Plattenbau-Atmosphäre
In diesem Newsletter erzähle ich dir, warum der Valentinstag in der DDR nicht gefeiert wurde, welche Filme mit Ost-Bezug über die Leinwände der Berlinale-Kinos flimmern und wo du dir eine Theaterversion des 1990er-Jahre-Klassikers „Hass“ inmitten von Ost-Plattenbauten anschauen kannst.
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1. Valentinstag in der DDR nicht gefeiert
Vielleicht ist dieser Newsletter ja dein Lebens- oder besser Liebesretter. Denn er erinnert dich sozusagen mit dem Zaunpfahl an den heutigen Valentinstag (14. Februar). Wenn deine große Liebe zu diesem Anlass einen Blumenstrauß oder Pralinen erwartet, hast du jetzt noch genügend Zeit, um ihr oder ihm diesen Wunsch zu erfüllen.
Du kannst aber sicher noch ein paar Minuten erübrigen, um dir durchzulesen, was eigentlich hinter diesem Valentinstag steckt – und warum er in der DDR nicht gefeiert wurde. Zumindest, soweit ich das recherchieren konnte.
Wenn du oder deine Eltern doch schon vor 1989 und in der DDR den Valentinstag begangen habt, dann schreib mir das gern mit einer kurzen Schilderung des Wann und Wie in die Kommentare. Das Angebot von Schnittblumen oder guter Schokolade war ja nicht immer reichlich vorhanden.
Warum Valentinstag?
Aber schauen wir uns den Ursprung des Valentinstags doch einmal genauer an. Laut Wikipedia geht das Brauchtum dieses Tages auf das Fest des Heiligen Valentinus zurück. Zwischen 496 und 1969 gab es kirchenweit einen Gedenktag für den Heiligen Valentinus – und zwar am 14. Februar.
An diesem Tag finden schon länger Gottesdienste statt, bei denen Ehepaare gesegnet werden. Daraus entwickelte sich der Valentinstag dann zu einem weltlichen „Tag der Liebe“. Übrigens schon seit dem 14./15. Jahrhundert. Geblieben ist von dem kirchlichen Gedenktag, dass sich Partnerinnen und Partner gegenseitig romantische Geschenke machen.
Seit dem frühen 19. Jahrhundert wurde es in England zur beliebten Tradition, Valentinskarten zu verschicken. Blumen, Pralinen und andere Geschenke gehören ebenfalls schon seit dem 19. Jahrhundert zum guten Ton. Von Großbritannien aus schwappte der Trend in die USA.
Vor allem über nach dem Zweiten Weltkrieg in Westdeutschland stationierte US-Soldaten kam der Valentinstag dann auch in unsere Breiten. 1950 wurde in Nürnberg der erste „Valentinsball“ veranstaltet. In den vergangenen Jahrzehnten sorgten dann die Marketingkampagnen der Floristik- und Süßwarenindustrie dafür, dass sich der Valentinstag weltweit verbreitete.
Kein Valentinstag in der DDR
In der DDR wurde der Valentinstag dagegen nicht begangen. Wie du dir schon denken kannst, lag das daran, dass der damit verbundene Brauch des Schenkens sozusagen im kapitalistischen Westen erfunden wurde. Das Ganze galt dann schnell als zu tadelndes Beispiel der angeblich durch Werbung und Kaufsucht verdorbenen westlichen Gesellschaften. Und dann auch noch der religiöse Hintergrund.
Ich fasse hier nur mal in eigenen Worten zusammen, wie ich als junger DDR-Mensch entsprechende Warnungen und Abwertungen in ähnlichen Zusammenhängen interpretiert habe. Ob sich zwischen 1949 und 1989 überhaupt ein staatliches Organ mit dem Valentinstag beschäftigt hat, weiß ich nicht.
Was ich weiß: Nach einigem Widerstand Anfang der 1990er-Jahre ist der Valentinstag auch in Ostdeutschland angekommen. Noch immer hat hierzulande aber auch der 8. März, der Internationale Frauentag, einen hohen Stellenwert. An diesem bekommen allerdings bestenfalls alle Frauen Blumen und Pralinen, nicht nur die Liebsten.
Wo wir jetzt schon Anfang der 1990er-Jahre sind und in Berlin gerade die Berlinale 2026 stattfindet, möchte ich dir als zweites Thema dieses Newsletters ein paar Filme, die sich genau mit diesem Thema beschäftigen, vorstellen.
2. Filme mit Ost-Berlin-Bezug auf der Berlinale
Sie haben es in die Retrospektive-Sektion der 76. Internationalen Filmfestspiele geschafft. Die Berlinale-Retrospektive steht dieses Jahr unter dem Motto „Lost in the 90s“.
Und wo, wenn nicht in Berlin, könnte eine Retrospektive zu den Neunzigerjahren eher spielen als hier, wie Sektionsleiterin Heleen Gerritsen erzählt. „Die Ereignisse nach dem Mauerfall haben Schockwellen in die ganze Welt ausgesandt, und das schlug sich natürlich auch im Film nieder“, sagt Gerritsen.
Niemandsland in Berlins Mitte
Und Programmkoordinatorin Annika Haupts ergänzt: „Berlin war zu der Zeit ein Ort voller Brüche und Widersprüche. Es gab ja nicht nur den Gegensatz Ost/West. Es gab auch ein Niemandsland in der Mitte der Stadt, rund um den Potsdamer Platz, der Künstlerinnen und Künstler dazu anregte, sich mit solchen Orten auseinanderzusetzen, und mit den Subkulturen, die in diesen Brachen aufblühten“.
Einer der spannenden Festivalbeiträge aus der Vergangenheit ist „Berlin, Bahnhof Friedrichstraße 1990“, ein Dokumentarfilm aus dem Jahr 1991 von Konstanze Binder, Lilly Grote, Ulrike Herdin und Julia Kunert. Darin kommen unter anderem Grenzbeamte, Passagiere, Devisenhändler und Intershop-Mitarbeiterinnen zu Wort, die im Sommer 1990 an der bis dato wichtigsten Grenzübergangsstelle zwischen Ost- und Westberlin vor die Kamera treten.
Kontrollschikanen und Zukunftsängste
Sie berichten von ihrem bald obsoleten Arbeitsalltag, von Kontrollschikanen und Zukunftsängsten. Gezeigt werden die Menschenmassen, die in den Bahnhof strömen, die Orientierungslosigkeit, die mit der neu gewonnenen Freiheit einhergeht. Zu sehen ist auch, wie die Abfertigungs- und Kontrollschalter im Tränenpalast abgerissen werden.
Berlin, Bahnhof Friedrichstraße 1990. (Bild: Deutsche Kinemathek/Lilly Grote)
Ein cineastischer Leckerbissen ist Jean-Luc Godards „Allemagne année 90 neuf zéro“ („Deutschland Neu(n) Null“). Darin erhält der westliche Geheimagent Lemmy Caution, der seit Jahrzehnten in der DDR als sogenannter „Schläfer“ weilt, den Befehl, sich in den Westen abzusetzen. Doch nach der Grenzöffnung ist er sich nicht mehr sicher, wo eigentlich Westen ist.
Die Zuschauerinnen und Zuschauer erwartet hierbei „ein unablässiger Strom von Gedankenfetzen und Filmzitaten, der in einer vielschichtigen Ton- und Bildcollage über sie hereinbricht“, wie es bei der Berlinale heißt.
Altes Deutschland war preußisch
Godard sagte dazu 1990: „Man sieht noch das alte Deutschland, und man sieht das neue Deutschland, das zutiefst amerikanisch ist, und das alte war preußisch. Und das eine wird das andere bewegen. Was ich machen wollte, war, dieses gegenseitige Bewegen, dieses Ereignis zu filmen“.
Mein nächster Tipp ist „Sunny Point“ von Wolf Vogel. Darin geht es um den Filmproduzenten Victor, einen Flüchtling aus der DDR (Bitterfeld), der in Westberlin eine Filmfirma betreibt. Doch im Herbst 1989 läuft es finanziell nicht gut.
So entscheidet sich Victor, noch einmal illegal in die DDR zurückzukehren, um von dort aus zum zweiten Mal Richtung Westen zu fliehen. Klar, um noch einmal die Starthilfe für DDR-Flüchtlinge zu kassieren.
Unterlaufen lieb gewonnener Klischees
„Sunny Point“, so heißt es in der Vorstellung des Films, unterlaufe die „lieb gewonnenen Klischees von den hilfsbedürftigen ,Brüdern und Schwestern im Osten‘“. Und das wäre doch wirklich einmal ein schönes Output.
Weitere thematisch passende Filme auf der Berlinale sind übrigens „Östliche Landschaft“ und „In My Neighbourhood“. Das komplette Berlinale-Programm mit allen Kinos und Aufführungszeiten findest du hier. Schreib gern, wenn du einen der Filme schon kennst und/oder ihn bei der Berlinale im Kino gesehen hast und natürlich, wie du ihn fandest.
Ähnliches interessiert mich übrigens auch bei dem dritten und letzten Newsletter-Thema für diese Ausgabe. Darin geht es nämlich um eine Theaterfassung des 1990er-Jahre-Kultfilms „Hass“, die in Jena auf die Bühne gebracht wird.
3. Hass im Jenaer Plattenbauviertel
Als „Hass“ („La Haine“) im Sommer 1995 ins Kino kam, war ich 17 Jahre alt und fühlte mich so dermaßen verbunden mit den Protagonisten, als würde ich nicht im Plattenbau in Berlin-Marzahn, sondern in einer der krassen Siedlungen in einer der französischen Banlieues leben.
Gewalt, Perspektivlosigkeit und Drogen prägten – zumindest in meiner Vorstellung – ganz genauso mein Leben zwischen Stahlkappenstiefeln und Baseballschlägern wie jenes von Vinz, Saïd und Hubert. Und noch heute klingen mir die Worte, mit denen der Schwarz-Weiß-Film beginnt, in den Ohren.
„Dies ist die Geschichte von einem Mann, der aus dem 50. Stock von ’nem Hochhaus fällt. Während er fällt, wiederholt er, um sich zu beruhigen, immer wieder: ‚Bis hierher lief’s noch ganz gut, bis hierher lief’s noch ganz gut, bis hierher lief’s noch ganz gut …‘. Aber wichtig ist nicht der Fall, sondern die Landung!“ (aus: „Hass“)
Im Rückblick ist mir freilich klar, dass mein Leben nicht im Ansatz mit dem der drei Jugendlichen aus dem krassen Film zu vergleichen ist. Aber damals fand ich die Vorstellung irgendwie cool. Daher passt es eigentlich wie Faust auf Auge, dass in der „Hass“-Theaterfassung die Handlung ins Jenaer Plattenbauviertel Lobeda verlegt wird.
Film als kultureller Bezugsrahmen
Schließlich, so heißt es beim MDR, wäre der Versuch, einen solch ikonischen Film im Theater einfach nur nachzuerzählen, zum Scheitern verurteilt. In der Theaterfassung werden entsprechend nur einzelne Handlungselemente übernommen. Der Film kommt aber in Zitaten vor, er bildet eine Art kulturellen Bezugsrahmen.
Tatsächlich geht es aber nicht um das Jena Lobeda der 1990er-Jahre, sondern um jenes der Jetztzeit. Und hier prallen auf der einen Seite ein hoher Prozentsatz an AfD-Wählerinnen und -Wähler und auf der anderen eine vergleichsweise hohe Anzahl an Menschen mit Migrationsgeschichte aufeinander.
„Hass“ im Theater. (Foto: Theaterhaus Jena/Candy Welz)
In Film (Frankreich, 1995) und Theaterstück (Jena, 2026), meint Daniele Szeredy, gehe es trotz räumlichem und zeitlichem Abstand um ein universelles Thema, nämlich „um die Marginalisierung bestimmter Gruppen in der Gesellschaft“. Daraus entstehe schließlich Wut: „Eine Wut, die in Widerstand und Hass münden kann“, so der Regisseur.
Das Theaterstück wird auf Deutsch, Rumänisch und Griechisch – mit deutschen und englischen Übertiteln – präsentiert und am 14. Februar (Valentinstag) auf der Hauptbühne des Theaterhaus Jena gezeigt.
Ich fürchte allerdings, dass die Vorstellung am heutigen Samstag, die einzige ist, die nach der Premiere am 29. Januar dort noch aufgeführt wird. Wenn du etwas darüber hörst, dass es das Stück irgendwie, irgendwo und irgendwann auch an anderer Stelle gibt, schreib mir gern.
Super, dass du bis an diese Stelle gekommen bist. Ich danke dir für die Aufmerksamkeit. Sage doch gerne Freundinnen und Freunden, Bekannten, Arbeitskolleginnen und -kollegen sowie deiner Familie Bescheid, dass du hier auf interessantes Lesefutter gestoßen bist.
Und hier kannst du dir den Newsletter der vergangenen Woche noch einmal zu Gemüte führen:



